Schreiben lernen – das schaffe ich mit links! Ratschläge für linkshändige Kinder
Etwa jede:r Zehnte ist linkshändig. Eine große Meta-Analyse mit Daten von mehr als 2,3 Millionen Menschen kommt auf einen Anteil von rund 10,6 Prozent. Wie häufig Linkshändigkeit festgestellt wird, hängt unter anderem davon ab, wie Händigkeit definiert und erfasst wird (Papadatou-Pastou et al., 2020).
Für das Schreibenlernen wichtig: Linkshändigkeit bedeutet nicht automatisch eine schlechtere Schreibleistung. Untersuchungen mit Schulkindern zeigen, dass linkshändige Kinder grundsätzlich ebenso erfolgreich schreiben können wie rechtshändige (Vlachos & Bonoti, 2004; Sattler & Marquardt, 2010).
Die Bewegungsbedingungen sind allerdings nicht ganz dieselben. Unsere Schrift verläuft von links nach rechts. Während sich die rechte Schreibhand hinter der Stiftspitze herbewegt, bewegt sich die linke Hand auf das gerade Geschriebene zu. Sie kann dadurch Buchstaben verdecken oder über frische Schrift geführt werden.
Gerade beim Schreibenlernen können einige einfache Anpassungen helfen, günstige Bewegungsbedingungen zu schaffen.
1. Genügend Platz für den Schreibarm schaffen
Sitzt ein linkshändiges Kind neben einem rechtshändigen, sollte es möglichst links vom rechtshändigen Kind sitzen. So kommen sich die Schreibarme weniger in die Quere. Achten Sie auch darauf, dass links auf dem Tisch ausreichend Platz für die Bewegung des Schreibarms bleibt.
Diese Empfehlung ist vor allem ergonomisch und aus der pädagogischen Praxis begründet (Sattler, 2007; 2015).
2. Das Blatt nach rechts drehen
Eine nach rechts geneigte Blattlage kann linkshändigen Kindern helfen, die Hand unterhalb der Schreibzeile zu führen und das Geschriebene besser im Blick zu behalten.
Als Orientierung kann das Schreibheft etwa 30–40° nach rechts gedreht werden (Sattler, 2007; 2015). Der Winkel ist dabei kein starres Maß. Entscheidend ist, dass das Kind eine für sich günstige Position findet und Hand und Arm möglichst frei bewegen kann.
Tipp: Gerade bei Schreibanfänger:innen kann eine Markierung oder ein Streifen Klebeband auf dem Tisch helfen, die passende Blattlage selbstständig wiederzufinden.
3. Die Schreibhand möglichst unterhalb der Zeile führen
Beim Schreiben von links nach rechts bewegt sich die linke Hand in Richtung des gerade Geschriebenen. Manche Kinder führen ihre Hand deshalb oberhalb der Zeile und knicken das Handgelenk stark ab.
Eine passende Blattlage und genügend Bewegungsraum können dabei helfen, die Schreibhand möglichst unterhalb der Zeile zu führen.
Die Hakenhaltung sollte dabei nicht einfach als „falsch“ bewertet werden. Untersuchungen sprechen dafür, dass Schreibende ihre Haltung an die Anforderungen der Schreibaufgabe anpassen (Peters & Murphy, 1986; Szeligo et al., 2003). Gerade bei Schreibanfänger:innen lohnt es sich aber, früh günstige Alternativen zu zeigen – ohne Druck oder Zwang.
4. Musterbuchstaben sichtbar platzieren
Auf vielen Übungsblättern steht der Musterbuchstabe nur links am Anfang der Zeile. Ein linkshändiges Kind kann diese Vorlage beim Schreiben mit der eigenen Hand verdecken.
Eine einfache Lösung: Den Musterbuchstaben zusätzlich rechts am Zeilenende oder an einer anderen gut sichtbaren Stelle anbieten. So bleibt die Vorlage sichtbar, ohne dass das Kind seine Körper- oder Handhaltung verändern muss.
Hier handelt es sich um eine etablierte Praxisempfehlung (Sattler, 2007; 2015); hochwertige Interventionsstudien speziell zur Position von Musterbuchstaben bei linkshändigen Kindern sind bislang kaum vorhanden.
5. Beim Stiftgriff auf Funktion achten
Nicht jeder gute Stiftgriff sieht gleich aus. Entscheidend ist, dass das Kind den Stift sicher führen kann und möglichst flüssig und ohne unnötige Anspannung oder Beschwerden schreibt.
Schwellnus et al. (2012) untersuchten verschiedene ausgereifte Stiftgriffe bei Kindern. Die Griffart hatte keinen signifikanten Einfluss auf Schreibgeschwindigkeit oder Leserlichkeit.
Das bedeutet für die Praxis: Ein ungewöhnlich aussehender Stiftgriff muss nicht automatisch korrigiert werden. Beobachten Sie vielmehr, ob das Kind mit seinem Griff gut zurechtkommt.
6. Auf Sitzposition und Beleuchtung achten
Eine stabile und entspannte Sitzposition unterstützt die Schreibbewegung bei allen Kindern. Die Füße sollten möglichst sicheren Kontakt zum Boden oder einer Fußstütze haben, der Unterarm sollte bequem aufliegen können und der Schreibarm genügend Bewegungsfreiheit haben.
Für Linkshänder:innen kann außerdem eine Beleuchtung von rechts oder von vorne günstig sein. So wirft die linke Schreibhand möglichst wenig Schatten auf den Bereich, in dem gerade geschrieben wird (Sattler, 2007; 2015).
7. Das passende Schreibgerät kann helfen
Spezielle Schreibgeräte für Linkshänder:innen können das Schreiben erleichtern, zum Beispiel wenn ihre Form eine angenehme und lockere Stifthaltung unterstützt. Auch weichere Blei- oder Buntstifte oder gut gleitende Schreibgeräte können für manche Kinder hilfreich sein.
Entscheidend ist jedoch nicht die Bezeichnung „Linkshänder-Stift“, sondern ob das Schreibgerät zum Kind und seiner individuellen Schreibhaltung passt. Es sollte sich angenehm halten und kontrolliert führen lassen.
Bei anderen Hilfsmitteln kann eine spezielle Linkshänder-Ausführung besonders sinnvoll sein. Bei einer Linkshänder-Schere ist beispielsweise die Anordnung der Klingen auf die Nutzung mit der linken Hand abgestimmt.
Unser Tipp: Verschiedene Materialien ausprobieren und gemeinsam mit dem Kind beobachten, womit es entspannt und sicher arbeiten kann.
8. Händigkeit beobachten – nicht vorgeben
Nicht bei jedem Kind ist früh eindeutig erkennbar, welche Hand bevorzugt wird. In diesem Fall sollte die Schreibhand nicht vorschnell vorgegeben werden.
Hilfreicher ist es, die Handpräferenz bei verschiedenen Tätigkeiten zu beobachten. Welche Hand nutzt das Kind spontan und wiederholt? Wechselt es häufig? Zeigt sich über unterschiedliche Aufgaben hinweg eine klare Präferenz?
Die Hand, mit der ein Kind gerade einen Stift hält, sollte dabei nicht als einziges Merkmal der Händigkeit betrachtet werden. Bei anhaltender Unsicherheit kann eine fachkundige Abklärung sinnvoll sein.
9. Linkshändigkeit nicht umschulen
Ein linkshändiges Kind sollte nicht zum Schreiben mit der rechten Hand gedrängt werden.
Wie tief Händigkeit in unserer Bewegungsorganisation verankert ist, zeigen Untersuchungen an Erwachsenen, die als linkshändige Kinder zum Schreiben mit rechts umgeschult wurden.
Siebner et al. (2002) fanden etwas Bemerkenswertes: Obwohl die umgeschulten Linkshänder:innen nach jahrelanger Übung mit rechts äußerlich ähnlich wie natürliche Rechtshänder:innen schreiben konnten, zeigte sich beim Schreiben eine andere neuronale Organisation. Unter anderem waren motorische Areale beider Hirnhälften stärker beteiligt.
Weitere Untersuchungen zeigen, dass langjähriges Training mit der rechten Hand zwar Teile der motorischen Organisation verändern kann, höhergeordnete Merkmale der ursprünglichen Händigkeit jedoch bestehen bleiben können (Klöppel et al., 2007).
Die Schreibhand lässt sich trainieren – die ursprüngliche Händigkeit wird dadurch nicht einfach umgekehrt.
Konkrete Folgen wie Konzentrationsprobleme, Erschöpfung oder Lernprobleme werden im Zusammenhang mit Umschulung beschrieben. Ein eindeutiger kausaler Zusammenhang ist für solche einzelnen Folgen wissenschaftlich jedoch deutlich weniger gut belegt als die Veränderungen der neuronalen Organisation.
Worauf Lehrkräfte besonders achten können
Nicht jedes linkshändige Kind braucht dieselben Anpassungen. Statt nach der einen „richtigen Linkshänder-Haltung“ zu suchen, lohnt es sich, das einzelne Kind beim Schreiben zu beobachten:
- Kann es sehen, was es gerade schreibt?
- Hat der linke Schreibarm genügend Platz?
- Ist das Handgelenk stark abgeknickt?
- Verdeckt die Hand häufig die Schreibvorlage?
- Kann das Kind den Stift kontrolliert und möglichst entspannt führen?
- Wirkt die Schreibhaltung auf Dauer anstrengend oder treten Beschwerden auf?
Blattlage, Sitzposition, Stiftgriff und Material können dann dort angepasst werden, wo tatsächlich Schwierigkeiten entstehen.
Das Ziel ist nicht eine perfekte Haltung, sondern eine Schreibweise, die flüssiges, leserliches und möglichst entspanntes Schreiben ermöglicht.
Zum Weiterlesen
Papadatou-Pastou, M., Ntolka, E., Schmitz, J., Martin, M., Munafò, M. R., Ocklenburg, S. & Paracchini, S. (2020). Human handedness: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 146(6), 481–524. DOI: 10.1037/bul0000229
Vlachos, F. & Bonoti, F. (2004). Handedness and Writing Performance. Perceptual and Motor Skills, 98(3), 815–824. DOI: 10.2466/pms.98.3.815-824
Peters, M. & Murphy, K. (1986). Incidence of left-handed writers and the inverted writing position in a sample of 2194 German elementary school children. Neuropsychologia, 24(3), 429–433. DOI: 10.1016/0028-3932(86)90030-8
Szeligo, F., Brazier, B. & Houston, J. (2003). Adaptations of writing posture in response to task demands for left- and right-handers. Laterality, 8(3), 261–276. DOI: 10.1080/13576500244000193
Schwellnus, H. et al. (2012). Effect of pencil grasp on the speed and legibility of handwriting in children. American Journal of Occupational Therapy, 66(6), 718–726. DOI: 10.5014/ajot.2012.004515
Siebner, H. R. et al. (2002). Long-Term Consequences of Switching Handedness: A Positron Emission Tomography Study on Handwriting in “Converted” Left-Handers. Journal of Neuroscience, 22(7), 2816–2825. DOI: 10.1523/JNEUROSCI.22-07-02816.2002
Klöppel, S. et al. (2007). Can Left-Handedness Be Switched? Insights From an Early Switch of Handwriting. Journal of Neuroscience, 27(29), 7847–7853. DOI: 10.1523/JNEUROSCI.1299-07.2007
Sattler, J. B. & Marquardt, C. (2010). Motorische Schreibleistung von linkshändigen und rechtshändigen Kindern in der 1. bis 4. Grundschulklasse. Ergotherapie und Rehabilitation, 49.
Sattler, J. B. (2007). Das linkshändige Kind in der Grundschule. Auer Verlag.
Sattler, J. B. (2015). Das linkshändige Kind – seine Begabungen und seine Schwierigkeiten. Auer Verlag.