Feinmotorik ist nicht gleich Graphomotorik: Was eine aktuelle Metaanalyse über den Zusammenhang mit schulischen Fähigkeiten zeigt
Welche Rolle spielen feinmotorische Fähigkeiten für das schulische Lernen? Und macht es dabei einen Unterschied, welche feinmotorischen Fähigkeiten betrachtet werden? Eine aktuelle Metaanalyse von Suggate, Karle, Kipfelsberger und Stoeger (2025) liefert dazu neue Erkenntnisse. Besonders interessant: Unter den verschiedenen Bereichen der Feinmotorik zeigen graphomotorische Fähigkeiten den höchsten Zusammenhang mit schulisch-kognitiven Fähigkeiten. Unter den untersuchten schulischen Bereichen gehört das Schreiben zu denen, die am engsten mit feinmotorischen Fähigkeiten verbunden sind.
Daten zu fast 80.000 Kindern und Jugendlichen ausgewertet
Für die Metaanalyse werteten Suggate et al. (2025) 118 Studien mit insgesamt 79.856 Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 bis 16 Jahren aus. Ziel war es, nicht nur allgemein nach dem Zusammenhang zwischen Feinmotorik und schulisch-kognitiven Fähigkeiten zu fragen, sondern genauer zu untersuchen, welche Bereiche besonders eng miteinander verbunden sind.
Dazu unterschieden die Forschenden verschiedene Facetten der Feinmotorik, darunter manuelle Geschicklichkeit, Bewegungsgeschwindigkeit, Fingergnosie*, bimanuale Fähigkeiten und Graphomotorik. Auf der anderen Seite betrachteten sie unterschiedliche schulisch-kognitive Bereiche wie Lesen, Schreiben, Mathematik und kognitive Fähigkeiten.
Über alle untersuchten Bereiche hinweg zeigte sich ein moderater Zusammenhang zwischen feinmotorischen und schulisch-kognitiven Fähigkeiten (r = .329): Kinder und Jugendliche mit stärker ausgeprägten feinmotorischen Fähigkeiten schnitten tendenziell auch bei schulisch-kognitiven Aufgaben besser ab. Dieser Zusammenhang war über die gesamte untersuchte Altersspanne hinweg ähnlich stark (Suggate et al., 2025).
Graphomotorik in einer besonderen Rolle
Besonders relevant ist die differenzierte Betrachtung der feinmotorischen Fähigkeiten.
Zur allgemeinen Feinmotorik gehört beispielsweise das Greifen und Manipulieren kleiner Gegenstände. Graphomotorische Aufgaben hingegen erfordern den Umgang mit einem Schreibgerät, um Formen oder Symbole zu produzieren. Dabei müssen visuelle Informationen und fein abgestimmte Bewegungen miteinander koordiniert werden.
Genau diese graphomotorischen Fähigkeiten zeigten in der Metaanalyse unter den Bereichen der Feinmotorik den höchsten Zusammenhang mit schulisch-kognitiven Fähigkeiten (r = .338). Statistisch war er deutlich höher als der Zusammenhang für manuelle Geschicklichkeit (r = .289). Gegenüber Fingergnosie, Bewegungsgeschwindigkeit oder bimanualen Fähigkeiten waren die Unterschiede jedoch nicht signifikant.
Auf der Seite der schulischen Fähigkeiten zeigte sich der engste Zusammenhang mit Feinmotorik beim Schreiben (r = .343) und bei der Mathematik (r = .337). Beide Werte unterscheiden sich nicht bedeutsam voneinander. Auch mit dem Lesen (r = .310) und mit kognitiven Fähigkeiten (r = .291) hing Feinmotorik moderat zusammen. Insgesamt liegen die Werte also eng beieinander.
Die Forschenden vermuten, dass Fähigkeiten, die nah an der Tätigkeit selbst liegen, besonders eng mit der entsprechenden schulischen Fähigkeit zusammenhängen.
Graphomotorische Fähigkeiten als eigenen Bereich wahrnehmen
Für die frühe Bildung ist die Differenzierung wichtig. Allgemeine feinmotorische Erfahrungen, etwa beim Schneiden, Kneten, Bauen oder Auffädeln, sind für die kindliche Entwicklung bedeutsam. Sie sind jedoch nicht gleichzusetzen mit den spezifischen Anforderungen, die beim Umgang mit Stift und Papier entstehen.
Die Autorinnen und Autoren betonen, dass es sich um Korrelationsstudien handelt: Ob eine gezielte Förderung feinmotorischer oder graphomotorischer Fähigkeiten schulische Leistungen verbessert, lässt sich daraus nicht ableiten. Sie sehen graphomotorische Fähigkeiten jedoch als einen vielversprechenden Ansatzpunkt für Bildungsangebote, etwa über Schreib- und Zeichenaktivitäten. Es ist deshalb naheliegend, sie in der frühen Förderung bewusst als eigenen Bereich mitzudenken. Kinder sollten Gelegenheiten erhalten, Erfahrungen mit Schreibgeräten zu sammeln, Bewegungen auf einer Schreibfläche zu steuern und die dafür notwendigen koordinativen Fähigkeiten weiterzuentwickeln.
Für das spätere Handschreiben braucht es aber mehr: Kinder sollten Gelegenheiten erhalten, Erfahrungen mit Schreibgeräten zu sammeln, Bewegungen auf einer Schreibfläche zu steuern und weitere Voraussetzungen zu entwickeln, die für das spätere Schreiben relevant sind.
Und was gehört zum Schreiben noch dazu? Der Blick der Schreibmotorik
Auch der Begriff Graphomotorik beschreibt nicht alles, was für das spätere Handschreiben relevant ist. Er bezeichnet die eher technischen motorischen Abläufe, die zum Schreiben, Malen oder Zeichnen nötig sind. In der Metaanalyse sind damit Aufgaben gemeint, bei denen mit einem Stift Symbole gezeichnet oder reproduziert werden. Das Abmalen oder Zeichnen von Buchstaben unterscheidet sich jedoch vom eigentlichen, flüssigen Schreiben.
Hier setzt der Begriff der Schreibmotorik an, den wir am SMI ergänzend verwenden. Im Mittelpunkt steht der günstige Bewegungsablauf beim Schreiben: wie grafische Zeichen mit der Hand bewegungsgünstig geschrieben werden können und wie sich ein solches Schreiben am besten erlernen lässt (vgl. Diaz Meyer et al., 2017). Das Fernziel ist eine leserliche, effiziente, flüssige, ermüdungsarme und individuelle Handschrift. Dabei spielen unter anderem ein gleichmäßiger Schreibrhythmus, eine hohe Schreibgeschwindigkeit und ein angemessen niedriger Schreibdruck eine Rolle, ebenso der Transfer auf Buchstaben, Wörter und ganze Sätze.
Geübte Schreibende rufen ihre gespeicherten Bewegungsabläufe unbewusst ab und können sich dadurch auf den Inhalt des Textes konzentrieren. Eine bewusste Bewegungskontrolle, wie sie für Schreibanfängerinnen und -anfänger typisch ist, kann dabei sogar hinderlich sein.
Die Metaanalyse betrachtet Schreibmotorik in diesem Sinne nicht als eigenen Bereich. Sie macht aber deutlich, wie lohnend ein differenzierter Blick ist. Die Frage, was das Schreiben über die Graphomotorik hinaus erfordert, bleibt eine wichtige Aufgabe für Forschung und Praxis.
Spielerisch Voraussetzungen für das Handschreiben schaffen
An diesem Gedanken setzt auch die Initiative Kritzelpate an. Vorschulkinder im Alter von vier bis sechs Jahren sammeln dabei gemeinsam mit ehrenamtlichen Kritzelpatinnen und Kritzelpaten sowie pädagogischen Fachkräften spielerische Erfahrungen rund um Bewegung, Stift und Papier.
In kleinen Gruppen werden unter anderem die Bewegungssteuerung, eine angemessene Druckdosierung, die Auge-Hand-Koordination sowie die Beweglichkeit von Hand und Fingern aufgegriffen. Im Mittelpunkt stehen Freude an Bewegung und Gestaltung und positive Erfahrungen mit dem Stift, ohne Leistungsdruck und ohne dem schulischen Schreibenlernen vorzugreifen.
Die aktuelle Metaanalyse liefert dafür eine wichtige Orientierung: Wenn wir Kinder auf das spätere Handschreiben vorbereiten möchten, sollten wir Feinmotorik differenziert betrachten und den spezifischen graphomotorischen Anforderungen des Schreibens Aufmerksamkeit schenken.
Denn Schreibenlernen beginnt nicht erst mit dem ersten Buchstaben. Bereits vorher können Kinder Erfahrungen und Fähigkeiten entwickeln, auf denen sie beim späteren Handschreiben aufbauen.
*Fähigkeit, die einzelnen Finger der eigenen Hand zu spüren, zu benennen, voneinander zu unterscheiden und nach Aufforderung zu zeigen, ohne dabei hinzusehen
Quelle
Suggate, S. P., Karle, V. L., Kipfelsberger, T., & Stoeger, H. (2025). Keep the hands in mind: A meta-analysis of the relationship between fine motor skills and academic and cognitive skills. Educational Research Review, 48, 100748. https://doi.org/10.1016/j.edurev.2025.100748
Diaz Meyer, M., Schneider, M., Marquardt, C., Knopf, J., & Luptowicz, C. (2017). Schreibmotorische Förderung bei Erstklässlern: Ergebnisse einer Interventionsstudie. Didaktik Deutsch, 22(43), 33–[Endseite].